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Geshe Pema Samten: „Ich hoffe, dass viele Menschen von der Begegnung mit dem Dalai Lama profitieren“

Das Glück im Geist erfahren

Im Sommer 2007 kommt der Dalai Lama nach Hamburg. Nachdem das Wochenendseminar am 21./22. Juli 2007 bereits ausgebucht ist, ist jetzt zusätzlich ein Vortrag mit dem Dalai Lama am 22. Juli nachmittags angesetzt. Thema: „Mitgefühl“. Karten gibt es auch noch für das 5-Tage-Seminar über die „400 Verse“. Eingeladen wurde Seine Heiligkeit vom Tibetischen Zentrum, in dem seit einigen Jahren der tibetische Lama Geshe Pema Samten lebt. KGS-Redakteurin Andrea Brettner sprach mit dem Gelehrten über die Praxis der Gewaltlosigkeit, die Schrift der „400 Verse“ und über Unterschiede zwischen Ost und West

Im Januar 2003 verstarb Geshe Thubten Ngawang, der bis dahin geistlicher Leiter des Tibetischen Zentrums war. Seit seinem Tode sind Sie als Lama an dem Institut tätig. Wie fühlen Sie sich in unserer Stadt?

Nachdem Geshe Thubten Ngawang verstarb, habe ich ein Zentrum vorgefunden, in dem sehr ausgedehnte Studien zum Buddhismus bereits etabliert waren und auch Meditationsmöglichkeiten im Haus bestanden. Ich habe gesehen, dass dies den Schülern sehr hilft und auch ein gewisses Interesse an diesen Lehren besteht – hier in Hamburg und im Westen allgemein. Ich bemühe mich, die Arbeit Geshe Thubten Ngawangs fortzusetzen. Hauptsächlich unterrichte ich den Buddhismus in seinen beiden Aspekten der Philosophie des so genannten „Abhängigen Entstehens“ und der praktischen Ausübung der „Gewaltlosigkeit.“ Was meinen Aufenthalt in Hamburg angeht, habe ich persönlich keine Probleme und fühle mich sehr wohl. Was ich allerdings als problematisch empfinde, ist, dass es so scheint, als würden die Menschen im Westen sehr vereinzelt leben. Das trifft besonders auf ältere Mitbürger zu. Ich glaube, viele Senioren leben in großer Einsamkeit und es wäre schön, wenn mehr unternommen würde, sie in die Gesellschaft zu integrieren.

Wie könnte dies geschehen?

Man muss auf mehreren Ebenen versuchen, den Zusammenhalt der Menschen über die Generationen hinweg zu fördern. Auch wäre es schön, wenn die Älteren wieder ein spirituelles Interesse entwickeln und sich über religiöse Themen austauschen würden. Vielleicht könnten sie sogar gemeinsam Meditationen erlernen.

Wie sind Sie zum Buddhismus gekommen? Waren Sie als Kind bereits im Kloster?

Als Jugendlicher habe ich nicht im Kloster gelebt. Meine Eltern hatten aber sehr viel Erfahrung in der Religionspraxis. Sie haben mir ihr Wissen zu Hause vermittelt und es vorgelebt. Meine buddhistischen Studien habe ich dann als junger Mann aufgenommen und bin ins Kloster gegangen.

Sind Sie in Dharamsala, dem Exilsitz des Dalai Lama, groß geworden oder in Tibet?

In Osttibet. Der Ort heißt Dargye und liegt in der Region Kham. Dort befindet sich auch das Dargye-Kloster, dessen Abt ich noch immer bin.

Wie gestalten Sie Ihren Tag?

Nachdem ich aufgestanden bin – morgens so gegen sieben Uhr – nehme ich Zuflucht. Dies geschieht, indem ich die Zufluchtsformeln zu Buddha, Dharma und Sangha spreche. Dann entwickele ich eine mitfühlende Einstellung, die man den Erleuchtungsgeist nennt – die Absicht, zum Wohle anderer Wesen Buddhaschaft zu erreichen. Anschließend mache ich meinen Altar zurecht und fülle die Opferschalen. Nun beginnen meine täglichen Gebete und Meditationen. Habe ich genügend Zeit, widme ich mich meinen eigenen Studien und lese entsprechende Texte. Ansonsten unterrichte ich viel, sowohl hier im Zentrum als auch an anderen Orten.

Welchen Unterschied sehen Sie zwischen den Menschen im Osten, die den tibetischen Buddhismus lernen, und jenen im Westen?

Der Unterschied besteht vielleicht darin, dass in einem östlichen buddhistischen Land, insbesondere in Tibet, die Menschen von klein auf mit dieser Religion aufwachsen. Der Glaube wird nicht in Frage gestellt. Bei den Eltern und in der gesamten Kultur besteht die Überzeugung, dass es so etwas wie Wiedergeburt, Karma, Erleuchtung und Nirvana gibt. Es besteht ein großes Vertrauen in den Buddhismus. Schüler aus dem Westen hingegen sind nicht mit diesem Glauben groß geworden, in Themen wie Karma, Erleuchtung oder auch Buddhaschaft haben sie nicht so viel Vertrauen. Sie interessieren sich eher für den Nutzen von Meditation, weil sie wissen, dass Meditation gut für den Geist ist. Auch möchten sie Liebe und Mitgefühl entwickeln, die Konzentration schulen und Begründungen für die Lehre erhalten, also erfahren, warum alles so ist. Die buddhistische Lehre erleben viele im Westen lebende Menschen als sehr hilfreich. Dabei wünschen sie sich teilweise sehr schnelle Effekte bei der Ausübung ihrer buddhistischen Praxis und haben eine gewisse Hoffnung, dass diese Religion schnell ihre Probleme beseitigen kann. In traditionellen buddhistischen Kulturen hingegen erwartet man normalerweise nicht, dass die Praxis Probleme eilig beseitigen kann. Man glaubt eher an den langfristigen Erfolg, der sich irgendwann in diesem Leben einstellt oder sogar erst in zukünftigen Leben.

Einen weiteren Unterschied sehe ich beispielsweise in der Beziehung zu den Eltern. In Asien ist es selbstverständlich, dass man die Eltern sehr respektiert, und es gehört zur Religionspraxis, entsprechenden Respekt für Eltern und Ältere aufzubringen. Die Beziehung zwischen den Generationen scheint hier nicht so wichtig genommen zu werden, sie scheint eher belastet.

Was bedeutet die Praxis der Gewaltlosigkeit im tibetischen Buddhismus?

Die Gewaltlosigkeit hat hauptsächlich damit zu tun, dass man fühlenden Wesen keinen Schaden zufügt. Alle Wesen wollen Glück erleben und nicht leiden, deshalb kann man keinerlei Freude daran haben, anderen Schaden oder Leiden zuzufügen – selbst wenn sie einem selber schaden. Das heißt nicht, dass man völlig passiv ist. Man darf sich durchaus wehren, fliehen oder Ähnliches. Wichtig ist, dass man niemals mit einem Geist voller Hass ist und den Wunsch verspürt, anderen Leiden zuzufügen. Um dies zu erreichen muss der Geist sehr stark geschult werden unter dem Einfluss solcher Faktoren wie Geduld, Liebe und Mitgefühl. Immer wieder muss man darüber nachdenken, dass jemand, der anderen schadet, sehr verwirrt ist und sich letztendlich selbst Leiden zufügt. Selbst in komplizierten Situationen, wo es Schädiger gibt, sollte man niemals den Wunsch haben, zu schaden. Vielmehr sollte versucht werden, die Situation zu bereinigen. Gewaltlosigkeit ist definiert als ein Geisteszustand, in dem man keine Freude oder Spaß daran hat, anderen Schaden zuzufügen, selbst wenn sie einem selber Schaden zufügen. Das hat sehr viel mit Geduld zu tun, und die Definition von Geduld lautet, dass der Geist nicht seinen inneren Frieden verliert in einer schwierigen Situation. Aus dieser inneren Stärke heraus kann man besonnen handeln und eventuell auch Schaden beseitigen. Es ist eine geistige Aufgabe, dass der Geist stabil bleibt. Da heraus kann man dann sinnvoll handeln und ein Problem lösen. Man darf sich niemals dazu hinreißen lassen, anderen Schaden zuzufügen um des Schadens willen.

Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.