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„Unerwartete Ereignisse sind die besten Lehrer!“
„Wie können wir erkennen, dass alles, so wie es ist, Buddha-Natur, der erleuchtete Pfad ist?“ Das ist die zentrale Frage für Roshi Bernard Glassman, den ungewöhnlichen Zen-Meister aus New York. Er ist ein vielbeschäftigter Mann, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die spirituelle Praxis mit dem Engagement für soziale Ziele und für den Frieden zu verbinden. Es ist ihm ein Anliegen „neue Formen der spirituellen Übung zu entwickeln, mit deren Hilfe Studenten die Einheit allen Lebens erfahren können“. Im Zentrum allen Tuns steht für ihn die Spiritualität, die Grenzen zu sozialem Handeln und unternehmerischem Denken sind aufgehoben. Um dies in die Tat umzusetzen, scheut Glassman sich nicht, ungewöhnliche, auf den ersten Blick manchmal recht befremdliche Retreats ins Leben zu rufen. Früher war Bernard Glassman Ingenieur in der Luftfahrtindustrie. Bereits zu dieser Zeit praktizierte er jeden Morgen vor der Arbeit und nach Feierabend Zazen, die Sitzmeditation des Zen. Mit der Zeit wuchs sein Interesse für den Zen-Buddhismus immer mehr. Er entschied sich für die sogenannte Soto-Praxis und erhielt Unterweisungen vom japanischen Zen-Meister Taezumi Roshi. Später bekam Bernard Glassman den Namen Tetsugen und wurde Taezumis Nachfolger. 1979 zog er von der Westküste Amerikas nach New York, um dort eine Zen-Gemeinschaft zu gründen. Hier begann er Anfang der achtziger Jahre in Yonkers, einem nördlichen Vorort New Yorks, das Greyston-Mandala aufzubauen, ein Netzwerk von Unternehmen und gemeinnützigen Organisationen. Dadurch wurde es möglich, in einem verarmten Viertel der Stadt billige Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten für Menschen zu schaffen, denen beides fehlte. Nach anfänglichen Schwierigkeiten bildete eine Bäckerei die ökonomische Grundlage der Gemeinschaft. Ausnahmslos Menschen, die keine Hoffnung auf Arbeit oder ein Dach über dem Kopf hatten, fanden dort einen Platz zum Leben. Damit sie ihrer Arbeit nachgehen konnten, wurde für die Betreuung ihrer Kinder ein Kinderhort eingerichtet. Das jüngste Projekt im Rahmen des Greyston-Mandala ist ein Wohn- und Betreuungskomplex für HIV-Positive und Aidskranke. Mitte der neunziger Jahre, kurz vor seinem 55. Geburtstag, hatte Bernard Glassman das Gefühl, noch mehr tun zu müssen. Gemeinsam mit seiner Frau Jishu gründete er den Zen Peacemaker Orden. Dies sollte eine Gemeinschaft für Menschen sein, die überall auf der Welt für das Wohl der menschlichen Gesellschaft und für den Frieden arbeiten. Es sollte ein Ort sein, an dem sie sich treffen, austauschen, Kraft schöpfen und neue Ideen entwickeln konnten. Für all jene, die sich engagieren wollten und nicht wussten wie, sollte er zur Ausbildung und als Sprungbrett dienen. Man sollte Anleitung erhalten, sich inspirieren lassen können und die Möglichkeit bekommen mit anderen, die sich bereits für den Frieden engagierten, zusammenzuarbeiten. Der Orden sollte es noch besser ermöglichen, das soziale Engagement als spirituelle Übung zu erforschen und die Einheit allen Lebens in der Praxis unmittelbar zu erfahren. Meditation wird in das tägliche Leben integriert. Das Zendo, der Meditationsplatz des Ordens, an dem sich jeden Morgen Menschen für eine halbe Stunde zur stillen Meditation treffen, ist ein Rund von Steinen auf dem Hof einer verlassenen Schule. Der Zen-Meister sieht das Greyston-Mandala als das männliche Mandala, bei dem es um konkrete Projekte, um Handeln in der äußeren Welt geht. Das Peacemaker-Mandala hingegen ist das weibliche Mandala und bietet den Raum für Austausch, fürs Geschichtenerzählen. Dazu gehören der Peacemaker Orden, die Interfaith Peacemaker Assembly, ein interkonfessioneller Zusammenschluss gleichgesinnter Friedensarbeiter, das House of One People und das Peacemaker Institute. Seine ausdauernde und hingebungsvolle Arbeit, die das Ziel hat, bessere Lebensbedingungen für Obdachlose und andere von der Gesellschaft gemiedene Menschen zu schaffen, hat Roshi Bernard Glassman weit über die Grenzen Yonkers hinaus bekannt gemacht. Mehrmals im Jahr leitet er sogenannte „Street Retreats“ und lebt einige Tage selbst auf der Straße. Von Kritikern werde ihm vorgeworfen, auf die Straßen zu gehen sei verrückt, sagt Glassman. Und in einem gewissen Sinne sei das richtig, gibt er zu. Aber er habe nun mal Freude daran, Denkmuster in Frage zu stellen und Menschen durch bestimmte Erfahrungen ihr Nichtwissen nahe zu bringen. Eine Veränderung kann nur eintreten, wenn man anfängt, die eigenen Denk- und Verhaltensmuster in Frage zu stellen. Glassman weiß: „Unerwartete Ereignisse sind die besten Lehrer.“ Die Retreats erfährt der ungewöhnliche Zen-Lehrer als äußerst kraftvoll, weil die Trennung zwischen dem Ich und den Anderen unter diesen Lebensbedingungen ohne Requisiten und den von uns erschaffenen Putz schnell aufgehoben wird. Mitgefühl entsteht, ein Mitgefühl im Sinne der Erkenntnis, dass alles Leben eine Einheit ist. Obwohl oder vielleicht gerade weil er niemanden dort belehren, sondern im Gegenteil von den Obdachlosen lernen möchte, hat Roshi Glassman durch seine Arbeit schon einige von der Straße weggeholt und ihnen ein Zuhause gegeben, für dessen Erhaltung sie freilich selbst sorgen müssen. Ein ausgesprochen herausforderndes Retreat initiierte Bernard Glassman in Auschwitz. Etwa 150 Menschen aus vier großen Glaubensrichtungen (Christen, Juden, Buddhisten, Moslems) kamen an einem Ort des größten Grauens des 20. Jahrhunderts zusammen. Fünf Tage und vier Nächte verbrachten sie gemeinsam, meditierten, erzählten sich Geschichten und suchten Heilung für sich, die Seelen der dort Ermordeten und für die Erde, auf der sich das Grauen abgespielt hatte. Zu Beginn des Retreats waren die Emotionen, die der Ort aufwühlte, überwältigend und mehr als ein Teilnehmer war nahe daran zu gehen. In diesem Zustand, in dem wir mit dem Verstand nichts mehr begreifen können, beginnt nach Roshi Glassmans Verständnis das „Zeugnis ablegen“ (Bearing Witness). Zeugnis abzulegen bedeutet, zu etwas in Beziehung zu treten. Und aus dem In-Beziehung-Treten entwickelt sich Heilung. Es bedeutet, keinen Aspekt bestimmter Geschehnisse und letztendlich des ganzen Lebens auszuschließen. Vor keiner Situation, vor die wir gestellt werden, zurückzuweichen, sondern uns ihr zu öffnen. Beim Retreat in Auschwitz legten die Teilnehmer Zeugnis ab, indem sie die Namen der dort gestorbenen Menschen laut aufriefen. Etwa 30.000 Namen wurden in die vier Himmelsrichtungen gerufen. Dazwischen wurden Sitzmeditationen gemacht und Andachten gehalten. Wie und durch welche Aktivität die Heilung tatsächlich geschieht, vermag Roshi Glassman selbst nicht zu sagen. Die Teilnehmer des Bearing Witness Retreats in Auschwitz waren selbst schockiert über die Freude, die im Laufe ihres Aufenthaltes an einem Ort wie diesem auftrat. „Ich glaube, es war das plötzliche Hereinstürmen der Unmittelbarkeit des Lebens. Ein Gefühl der Ganzheit kam auf,“ so Glassman. „Am Ende des Retreats waren die 150 Menschen aus 16 Ländern ein Volk, ein Wesen.“ Und dies nicht trotz aller Unterschiede, sondern weil alle verschieden waren. Indem sie ihre Verschiedenheit akzeptierten und ihren Wert erkannten, entstand der Sinn von Einheit. In seinem neuen Buch Zeugnis ablegen – Buddhismus als engagiertes Leben bietet Bernard Glassman keine endgültigen Lösungen in der Arbeit für den Frieden an. Er veranschaulicht vielmehr den Prozess, wie man ein Leben ohne feste Vorstellungen, ein Leben des Nichtwissens führen kann, wie es möglich ist aus dieser Haltung heraus in jeder Situation, so schmerzlich und schwierig sie auch sein mag, Zeugnis abzulegen und wie dadurch Heilung entsteht. Grundlegende Lehren und Übungen des Zen Peacemaker Ordens werden beschrieben und die Geschichten von Menschen erzählt, die diese Lehren in ihrem Leben in die Praxis umsetzen. Ende des Monats kommt Roshi Bernard Glassman für einen Vortrag nach Hamburg und gibt Interessierten die Gelegenheit, mehr über seine Arbeit zu erfahren. Kadambini M. Knapp Literaturempfehlung: BERNARD GLASSMAN: „Zeugnis ablegen – Buddhismus als engagiertes Leben“ • Theseus, 2001, 224 Seiten, 38 Mark • • • „Anweisungen für den Koch“ • 1999, 223 S., 15 Mark BERNARD GLASSMAN: „Zeugnis ablegen – Buddhismus als engagiertes Leben“ • Vortrag, 26. Februar 2001, 19.30 Uhr • Eintritt: Vvk. 12 Mark, Ak. 15 Mark • Ort: Evangelische Akademie, Esplanade 15 (nahe Stephansplatz) • Karten bei der Buchhandlung Wrage, Telefon 41 32 97 0, Fax 44 24 69 |